OUTTAKES
Manche Texte sind am strengen Lektorat abgeprallt. Wie gut, dass es das Internet gibt! Unter der Rubrik “OUTTAKES” kann man einige der Texte nachlesen und kommentieren.
Fragen könnte man: Welches Gedicht hätte es besser doch ins Buch, welches besser doch nicht ins Netz geschafft?
Ab 1.10. gehts los!
WIDERTEXT
Keine feuilletonistische Trockenübung, keine diskursiven Schwimmhilfen – in dieser Rubrik wird frei hineingetaucht - d.i. zurückgetextet!
Getreu nach dem Motto: „Wenn schon bitchen, dann in Gedichten“ widertexten andere AutorInnen Gedichte aus dem Berliner Fenster.
Zusendungen an bresemann@lettretage.de willkommen!
Ab 1.10. gehts los, im wöchentlichen Turnus - 1 WIDERTEXT!
Berliner Fenster: wenn
Maxim Gorki Theater Berlin / “Hardcover Studio” / 5. Februar 2011
Aufnahme: The Jinatic
unverhohlene Gesprächsangebote
”Richtig erkannt haben wir uns erst, wenn wir erkennen, wie konstruiert wir sind.”
Dieser Satz Walter Höllerers interessiert mich vor allem in Bezug auf die Gedichte des vorliegenden Buchs. Das Potential der Durchdringung, welches ich in der Aussage zu erkennen glaube. Die Einladung, Augen und Ohren Offenzuhalten, im Hintergrundrauschen des All- und Festtäglichen.
Ich versuche in den Gedichten des Buchs diesem Potential Rechnung zu tragen. In der einzigen Art und Weise, die mir angemessen scheint: auf Augenhöhe. Alltagsrede auf einer Ebene mit gebundenem Ton, gesellschaftlich akzeptierte und beförderte Verhaltens- und Denkweisen mit dem politisch Unkorrekten. Augenhöhe auch zwischen dem, was “ich” ähnlich, und dem, was “ich” ausmacht, zwischen Zuspitzung und Entzerrung, Erkennen und Abbilden.
So stellen sich Situationen des offenen Ausgangs ein. Gedichte also, unverhohlene Gesprächsangebote - das Offensichtliche.
[…]
Ich will die Leser der Gedichte dieses Buchs genauso ernst wie die Sprecher in ihnen nehmen. Mich interessieren Momente, die punktgenau umschlagen bzw. im Idealfall ermöglichen, dass etwas wirkt und gleichzeitig erkennbar wird. Vielleicht so etwas wie die gute alte Empfindsamkeit. Vielleicht so etwas wie eine Neue Gegenwartsamkeit.
[…]
Wenn ein Stil, eine Pflicht existiert, der ein Autor oder eine Autorin eines Gedichtbuchs heute gerecht zu werden habe, dann jener, Mut zu zeigen und sich nicht in der Selbstverwaltung seines Talents zu gefallen. Ich weiß nicht, ob ein Gedicht Arsch in der Hose haben kann. Ich wünsche es mir.
WIDERTEXT: Ron Winkler
Ron Winkler: verfremdung auf drei Gedichte (aus dem “Berliner Fenster”) u.a. “im blockstaatenwind”
du lagst frei
rhythmisch im atem
löschzug
ein letzter abzweig musik
in segensrichtung
entkernt und auf druck
der schönen wesen
bis zum empfang
der geballten darwinwinsituation
abgöttisch
beleuchtet
Lesung wort:injektion in Bremen, 12.5.2012
mit Anja Kümmel und Arthur Becker
Fotos: (c) Victor Ströver, nordsign, Bremen
WIDERTEXT: Georg Leß
Grand Guignol Genesis*
die Brotberufe ließ er Vegetariern
sein Stück auzuschlachten, darunter zu saugen
die Bretter zu schichten, die Haut zu entlauben
ernährt ihn
kein Fingerabdruck blieb zurück, denn er trug
seine Handpuppen, grub in die wärmere Richtung
er glaubte, im Wald zu verstehen, der
wehrt ihm, hart ausgeleuchtet vom Freilicht
der Blick auf geschächtete Waren entleert ihn
verbiestert zurück in die Städte zu fahren
sich wieder frisch geliefert, Schinderwerk
den Greifern entgegen, vom Land in den Mund
ein Abgrund, der sich in die Aussicht stiehlt
ein splitternackter Mantelschwung
ein Vogel wirft ein Licht indem er weiterfliegt
Stücke zu geben
und zu geben, was anderen Hören
und Sehen bedeutete ihm eine Schnittstelle, Rötung
im Publikum, Beilfall, Baum-, Zaun- und Laubfall, Rein-
geschlagene Hand vor die Augen, die Blätter zu pressen
zum Schwarzbild, Gedächtnis, doch schaulustig
hob sich dahinter ein Lid, empfing finger-
gefilterte Reize
Zensur schärft den Blick, oben ent-
lauben, unten be-
haupten:
die Liebe schielt dir auf die Finger, Leser, spreize
Georg Leß
* Dieses Gedicht wurde durch die Tatsache angestoßen, dass eine vormals veröffentlichte Fassung von Tom Bresemanns (aus BERLINER FENSTER) entsaftung den Filmtitel Bloodsucking Freaks (1976) enthielt.<—>
WIDERTEXT: Clemens Schittko
Privet, Privatwirtschaft!
nach Tom Bresemann
das Unangemessene
wie das Unabgemessene
in den Kissen,
hinter den Kulissen,
vor und im Spiegel
beim Konkurrenzbeobachten,
Preisevergleichen
beim Preisevergleichen,
Konkurrenzbeobachten
beim Lachen,
Laufen,
Sprechen,
Ficken
und immer online,
inmitten der Models
nicht mehr müde:
besonders allein
nie mehr unbesehen,
zu zweit,
zu dritt
und nie mehr müde,
zu viert
sich zusehen,
unberührt
und nie mehr allein
in der verwachsenen Villa
am anderen Ende der Stadt
inmitten eines alternativen Todeszerwürfnisses
auf dem Flohmarkt,
im Raucherzimmer der WG
auf dem WC im Kiez,
willkommen im Club
auf der Casting-Allee,
der Rushhour-Brücke
ein Vaterunser auf unseren täglichen Rausch
im Zerrspiegel der Scheiben,
der Bahnhofspaläste
in den S-,
den U-Bahnen
und in den Fugen der Fliesen
verkrusten die Exponate millimeterweise
welche Exponate,
wessen …
ein Kratzen am Rande der Tiefkühltruhen
die Rückstände im Halogenlicht der Endlosschleifen
das Klappern der Feuchtwischgeräte davor und danach
die vollendete Bescheidenheit,
also der Beschiss,
des Gebäudemanagements
auch dort,
wo wir nicht waschen können
in den Falten,
den Spalten der Gesäße,
darunter auch deutsche,
von ihren Gesichtern kaum zu unterscheiden
und dann wieder hygienisch einwandfreie Statements
Körpersprachverlust,
Häppcheninfektion,
Buffetstrecken
in diesen punktgenau beschlossenen Augenblicken
beim Küssen und beim Küssen
beim Tanzen und beim Tanzen
im Fernsehen und beim Fernsehen
ein Zusehen zwischen den Schamwänden
der Pent-,
der Gebein-,
der Einfamilienhäuser,
der Schädelstätten und der Gemeinschaftsräume,
der Raucherzimmer in den Kurznachrichten
hinter den Augen Gelächter:
allein,
zu zweit,
zu dritt
auf dem Hin-,
dem Rück-,
dem Hinweg
zur S- und U-Bahn und in der S- und U-Bahn
nichts abzusehen,
nachts
das rauschende Fest geräumter Vitrinen
Milchschaumgemurmel hinterm Blue der Touch Screens:
verhärtete Rückenansichten,
verendete Buffetstrecken
in den Büros und den Fabriken
an den Schulen und zu Hause,
also beim Wichsen
in den Sozialämtern und Sozietäten
den Selbstmörderecken auf den Friedhöfen
auf Charity-,
auf Weihnachts-,
auf Neujahrsempfängen
in den Vorstandsetagen und auf den Regierungsbänken
wo täglich verkauft wird die Demokratie
überhaupt in den Plenarsälen der Republik
in guten und offenen Gesprächen,
bestehend aus zusammengebastelten
und auswendiggelernten Power-Point-Sätzen
im Spiegel,
on air,
im Taxi
in grassierenden News
im Politik-,
Wirtschafts- und Feuilleton-,
im Immobilien- und Berlin-Teil der Stadt
im Schwindel der Roundabouts,
im Kreisverkehr der Gleise
in S- und U-Bahnen,
ober- und unterhalb,
d.h.:
nicht überall
wie wir aussehen,
sehen wir uns zu
beim Gassi-Gehen,
Brabbeln,
Grabbeln
auf den Ramschtischen der Buchhandelsketten
2.500 Jahre Philosophiegeschichte
auf 250 Seiten zusammengepresst
für weniger als 2,50 Euro
selbst der Tod schützt die Toten vor Ausbeutung nicht
neben den Angeboten auf Schulterhöhe
den Tischen des täglichen Bedarfs,
den Schultern an den Theken,
beim Discounter und im Supermarkt
in Slow Motion sind wird nichts weiter als Fast Food
in der Fußgängerzone,
auf dem Bahnhof,
auf der Straße
das Unabgemessene
wie das Unangemessene
geben wir doch endlich auf,
es ist vorbei
Clemens Schittko auf “öffentlicher raum” aus Berliner Fenster



